Was wissen wir über die Physiologie des süßen Geschmacks, über kalorienarme/-freie Süßstoffe und über die Reduzierung des Zuckerkonsums?

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Wissenschaftliche Nachrichten aus den Webinaren der Französischen Gesellschaft für Ernährung (SFN)

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Sicherheit kalorienarmer/-freier Süßstoffe wurde von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gründlich untersucht. Auf dieser Grundlage bestätigt die EFSA die Sicherheit ihres Konsums jeweils im Rahmen der erlaubten Tagesdosis (ETD) eines jeden einzelnen Süßstoffs.
  • Ersetzt man Zucker durch kalorienarme/-freie Süßstoffe, kann dies zur Reduzierung der Kalorienaufnahme beitragen, insbesondere bei Personen mit hohem Zuckerkonsum. Bei Menschen mit Obesitas kann es zu einem gewissen Gewichtsverlust beitragen, Diabetiker und Prädiabetiker erreichen eine bessere Kontrolle ihrer Blutzuckerwerte.
  • Süße Speisen haben eine lange Geschichte. Es ist bestens belegt, dass uns die Bevorzugung süßen Geschmacks angeboren ist. Doch die Physiologie des süßen Geschmacks, die Wahrnehmung von Süße und die Präferenz für Süßes sind komplexe Phänomene, zu denen noch viel Forschungsarbeit zu leisten ist.

 

In einer Reihe von Webinaren hat die Französische Gesellschaft für Ernährung (Société Française de Nutrition, SFN) im Februar 2021 mit Unterstützung des internationalen Süßstoffverbands (International Sweeteners Organisation, ISA) neun wissenschaftliche Experten zu verschiedenen Aspekten im Bereich kalorienarmer/-freier Süßstoffe und Reduzierung des Zuckerkonsums zu Wort kommen lassen. In den drei Webinaren stellten die Vortragenden die neuesten Nachweise zur Sicherheit und zu den mit der Nahrung aufgenommenen Mengen kalorienarmer/-freier Süßstoffe vor. Auch die neuesten Forschungen zur klinischen Praxis und zu den potentiellen Vorteilen bei der Gewichts- und Blutzuckerkontrolle wurden vorgestellt. Es wurde die Physiologie des süßen Geschmacks erörtert, und dabei ging es auch um die Komplexität, welche die Wahrnehmung und Bevorzugung von Süße im Zusammenhang mit Süßstoffen charakterisiert. Eine Zusammenfassung der Vorträge der SFN-Webinare wurde auf Französisch in dem wissenschaftlichen Journal Cahiers de Nutrition et de Diététique veröffentlicht.

Sicherheit hinsichtlich der Dosierungsvorgaben für kalorienarmen/-freien Süßstoffen

In der Europäischen Union muss jede Verwendung kalorienarmer/-freier Süßstoffe und von Lebensmittelzusatzstoffen von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) genehmigt werden, und dies erfolgt nach einer umfassenden Sicherheitsbewertung durch die Aufsichtsbehörde. Im Zuge des Begutachtungsprozesses wird für jeden einzelnen Süßstoff eine erlaubten Tagesdosis (ETD) festgelegt. Dabei handelt es sich um die Menge an Süßstoff, die eine Person ein Leben lang täglich zu sich nehmen kann, ohne ein gesundheitliches Risiko einzugehen. Das Konsumverhalten im Bereich kalorienarmer/-freier Süßstoffe wird regelmäßig überwacht, um zu gewährleisten, dass bei keinem einzigen Süßstoff die ETD überschritten wird. In dem Webinar wurden aktuellen Erhebungen aus mehreren Ländern Europas vorgestellt, die bestätigen, dass die tatsächliche Aufnahme bei sämtlichen zugelassenen, kalorienarmen/-freien Süßstoffen deutlich unter der jeweiligen ETD liegt.

Welche Personen profitieren am ehesten vom Verzehr kalorienarmer/-freier Süßstoffe?

Auch auf die vorliegenden Erkenntnisse und die Kontroverse zu den Vorteilen kalorienarmer/-freier Süßstoffe für Gewichtskontrolle und bei Diabetes wurde in dem Webinar eingegangen. Die Experten erläuterten, dass einige Personen einen moderaten doch durchaus bedeutenden Effekt beim Gewichtsmanagement erzielen können, wenn sie kalorienarme/-freie Süßstoffe anstelle von Zucker verwenden. Dies hänge jedoch weitgehend von den jeweiligen Ernährungsgewohnheiten insgesamt ab – und insbesondere von der Menge des ersetzten Zuckers. Für die klinische Praxis wird daher empfohlen, jeden Fall für sich zu bewerten. Wer also einen hohen Konsum gezuckerter Getränke hat, kann eine bedeutende Senkung seiner Kalorienaufnahme erreichen, wenn er alle mit Zucker gesüßten Getränke durch kalorienarm/-frei gesüßte Alternativen ersetzt. Ebenso kann es für Menschen mit Obesitas hilfreich sein, Zucker durch kalorienarme/-freie Süßstoffe zu ersetzten, um durch eine schmackhafte doch kalorienärmere Diät Gewicht zu verlieren. In jedem Fall sollten kalorienarme/-freie Süßstoffe in eine insgesamt gesündere Ernährung und Lebensweise integriert werden.

Bei der Erörterung der Auswirkungen kalorienarmer/-freier Süßstoffe auf die Blutzuckerkontrolle unterstützten die von den Vortragenden vorgelegten Erkenntnisse die Behauptung, dass kalorienarme/-freie Süßstoffe nicht den Blutzuckerspiegel erhöhen. Deshalb kamen die Experten zu dem Schluss, dass Menschen mit Übergewicht/Obesitas oder Prädiabetes mit diagnostizierter Insulinresistenz die Kontrolle ihres Blutzuckerspiegels verbessern können, wenn sie zuckerhaltige Lebensmittel (insbesondere Getränke) durch kalorienarm/-frei gesüßte Lebensmittel ersetzen. Das gilt vor allem dann, wenn die kalorienarm/-frei gesüßten Produkte zwischen den Mahlzeiten verzehrt werden.

Die komplexe Physiologie des süßen Geschmacks

Es ist seit langem bekannt, dass uns die Bevorzugung süßen Geschmacks angeboren ist. Es gibt jedoch noch verschiedene Aspekte rund um die Wahrnehmung und Bevorzugung von Süße, in die künftige Forschungsarbeiten Licht bringen müssen. Die Referenten beschrieben die Rolle der Geschmacksrezeptoren und der komplexen Mechanismen, die bei der Wahrnehmung von Süße eine Rolle spielen. Hier verfügen wir bereits über detaillierte Beschreibungen der molekularen und funktionalen Faktoren. Noch verstehen wir jedoch nicht wirklich, wie und in welchem Maß die Bevorzugung und Wahrnehmung von Süße individuell unterschiedlich ist und welchen Einfluss in diesem Zusammenhang die verschiedenen, exogenen und endogenen Faktoren haben.

Ebenfalls komplex ist der Umgang mit unserem Verlangen nach Süßem. Zurückgewiesen wird inzwischen die Hypothese, es gäbe so etwas wie Zuckersucht. Konsens hingegen scheint darin zu bestehen, dass eine Reduzierung des Zuckerkonsums sinnvoll ist, insbesondere der Aufnahme freien Zuckers. Hinsichtlich kalorienarmer/-freier Süßstoffe sprechen die bei dem Webinar vorgelegten Erkenntnisse dafür, dass sich kalorienarme/-freie Süßstoffe für sich genommen nicht auf den Hunger, das Sättigungsgefühl oder den Appetit auf Süßes auswirken. Daher können sie die Menschen dabei unterstützen, einen übermäßigen Zuckerkonsum zu reduzieren.

Nähere Informationen:

Hier können Sie die drei Webinare zum Thema Kalorienarme/-freie Süßstoffe und Zuckerreduzierung auf der SFN-Website (auf Französisch) abrufen: https://sf-nutrition.fr/2020/12/15/workshop-isa-sfn-edulcorants-et-reduction-de-sucre-02-16-23-fevrier-2021/

Die wissenschaftliche Veröffentlichung in den Cahiers de Nutrition et de Diététique bietet ebenfalls auf Französisch eine Zusammenfassung des Workshops der SFN in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Süßstoffverband (ISA).

 

 

Morio B. and Guy-Grand B. Édulcorants et réduction du sucre. Synthèse du workshop de laSFN en partenariat avec l’International Sweeteners Association (ISA) donné en trois webséries du 02/02 au 23/02/2021. Cahiers de Nutrition et de Diététique 2021. https://doi.org/10.1016/j.cnd.2021.04.001