Woher kommt die Verwirrung hinsichtlich der Rolle von Süßstoffen bei der Gewichts- und Blutzuckerkontrolle?

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Wissenschaftliche Nachrichten von der virtuellen FINUT Conference 2020

Die Hauptaspekte:

  • Oftmals stehen die Ergebnisse kontrollierter klinischer Studien im Widerspruch zu Beobachtungsstudien und das führt zu Verwirrung hinsichtlich der Bewertung der Auswirkungen kalorienarmer/-freier Süßstoffe auf die Gesundheit.
  • Beobachtungsstudien sind vom Design her nur beschränkt aussagekräftig und erlauben keine Schlüsse hinsichtlich Ursache und Wirkung, wohingegen randomisierte, kontrollierte Studien ein höheres Maß an Beweiskraft haben.
  • Bei der Interpretation von Forschungsergebnissen kommt es in erster Linie auf den Komparator an: Die positive Rolle von Süßstoffen wird in Studien deutlich, die sie mit Zucker vergleichen, wohingegen im Vergleich zu Wasser oder Placebos (wenn Süßstoffe also keine in der Ernährung enthaltenen Kalorien ersetzen) keine Wirkung festzustellen ist.

Die FINUT 2020 Conference wurde als Online-Event von der Ibero-American Nutrition Foundation (Fundación Iberoamericana de Nutrición – FINUT) veranstaltet und bot uns die Möglichkeit, uns virtual und interaktiv mit Experten auszutauschen. Dr. Brian Cavagnari von der Päpstlich Katholischen Universität von Argentinien (UCA) und Dr. Hugo Laviada-Molina von der Universidad Marista de Mérida in Mexiko betrachteten die Forschung zu kalorienarmen/-freien Süßstoffen aus einer evidenzbasierten Perspektive.

In den Ernährungswissenschaften kommt es vor allem auf die Qualität der Studien an, nicht auf die Quantität

In dieser virtuellen Expertenrunde diskutierten Dr. Cavagnari und Dr. Laviada-Molina die Frage, woher die Kontroverse über die Rolle kalorienarmer/-freier Süßstoffe bei Adipositas und Diabetes kommt. 1,2Die große Mehrzahl randomisierter kontrollierter Studien (Randomised Controlled Trial, RCT) belegen positive Auswirkungen kalorienarmer/-freier Süßstoffe auf die Kalorienzufuhr und das Körpergewicht, wenn sie als Zuckerersatz in der Ernährung verwendet werden.3,4 Andererseits sind die Ergebnisse bei Beobachtungsstudien gemischt: Laut manchen dieser Studien besteht kein oder ein neutraler Zusammenhang zwischen dem Konsum kalorienarmer/-freier Süßstoffe und einer größeren Häufigkeit von Übergewicht und Diabetes, wohingegen andere Studien einen solchen Zusammenhang aufzeigen.5,6 Dr. Cavagnari betont jedoch, dass ein Zusammenhang nicht dasselbe ist wie ein Kausalzusammenhang. Vielmehr könne der beobachtete, bestehende Zusammenhang einiger Beobachtungsstudien das Ergebnis einer umgekehrten Kausalität sein: Menschen mit Übergewicht oder Diabetes greifen in ihrem Bemühen um eine Reduzierung der Kalorienzufuhr in der Regel zu Zuckeralternativen, weil sie so ihre Gewichts oder Blutzuckerkontrolle verbessern. Zudem kann diese Art von Studien nicht alle verfälschenden Faktoren berücksichtigen. Während die am sorgfältigsten aufgebauten prospektiven Kohortenstudien viele potentiell verfälschende Faktoren reduzieren oder berücksichtigen kann, lassen sich diese bei Beobachtungsstudien niemals ausschließen..

Auf eine interessante Frage aus dem Kreis der Teilnehmer hin hob Dr. Cavagnari hervor, dass Empfehlungen in den Ernährungswissenschaften auf den besten verfügbaren Nachweisen beruhen sollten. Zwar seien natürlich alle Arten von Studiendesigns wichtig für den wissenschaftlichen Fortschritt und die Verbesserung unseres Wissensstands, doch seien die Nachweise aus RCT-Studien höher zu bewerten als die Ergebnisse epidemologischer Studien, da es sich bei ersteren um evidenzbasierte Medizin handle. Deshalb geht es bei der Auswertung aller verfügbaren Daten zu einem wissenschaftlichen Thema nicht nur um die Quantität der veröffentlichten Studien, sonder vor allem um ihre Qualität.

Kalorienarme/-freie Süßstoffe im Vergleich zu Zucker oder Placebos: Es kommt auf den Komparator an

Klinischen Studien zu den Auswirkungen kalorienarmer/-freier Süßstoffe auf gesundheitliche Faktoren wie Körpergewicht und Blutzuckerspiegel liegen verschiedene Methodologien zugrunde, die sich in Aufbau, Dauer, die Messergebnissen und die Komparatoren unterscheiden. Bezüglich des letztgenannten Faktors hoben beide Redner hervor, dass man unterschiedliche Ergebnisse erhält, wenn man kalorienarme/-freie Süßstoffe einerseits mit einem kalorienhaltigen Komparator (wie etwa Zucker) oder andererseits mit Wasser oder Placebos vergleicht. In solchen Studien, die kalorienfreie Süßstoffe mit Zucker vergleichen oder bei denen kalorienarm/-frei gesüßte Produkte zuckerhaltige Getränke ersetzen, zeigen die Ergebnisse nahezu durchgehend eine vorteilhafte Wirkung kalorienarmer/-freier Süßstoffe bei der Reduzierung der Gesamtenergieaufnahme und des Körpergewichts auf.3 Metaanalysen solcher Studien zeigen, dass kalorienarme/-freie Süßstoffe bei Menschen mit Übergewicht und Adipositas zu einem moderaten Gewichtsverlust von rund 2–2,5kg führen.4,6 Nachgewiesen wurde auch, dass kalorienarme/-freie Süßstoffe als Zuckerersatz das Risiko überhöhter Blutzuckerwerte reduzieren.7 Dagegen ist der Effekt kalorienarmer/-freier Süßstoffe auf die Blutzuckerkontrolle dann neutral, wenn man sie mit Wasser oder Placebos vergleicht, was im Grunde genommen ja auch zu erwarten sei.8,9 Dr. Laviada-Molina erläuterte, dass diese Zutaten Lebensmittelzusatzstoffe ohne immanente pharmakologische Effekte seien, dass sie also für sich genommen weder eine Senkung des Blutzuckerspiegels noch einen Körpergewichtsverlust bewirken würden. Ihre positive Wirkung hänge vielmehr damit zusammen, in welchem Maße Zucker durch sie ersetzt würde und die betreffenden Personen sich gesünder, kalorienärmer und mit weniger Zucker ernähren.

Die Art des Komparators ist auch bei Metaanalysen zu RCT-Studien wichtig. Wenn man Ergebnisse verschiedener Studien zusammenfasst, sollten diese in Gruppen entsprechend ihrem Komparator ausgewertet werden. So waren laut Metaanalysen5,6 von RCT-Studien, bei denen Studien mit verschiedenen Komparatoren (mit oder ohne Kalorienersatz) zusammengeführt wurden, die positiven Auswirkungen auf das Körpergewicht gering oder inexistent, und zwar im Gegensatz zu solchen Metaanalysen,3,4 bei denen die empfohlene Kategorisierung nach Komparatoren befolgt wurde. Ganz in diesem Sinne kamen Lohner und Kollegen10 unlängst bei einer Metaanalyse von neun Studien zur Verwendung kalorienarmer/-freier Süßstoffe bei Diabetes keine signifikante Auswirkung auf die Blutzuckerkontrolle, da überwiegend Studien herangezogen wurden, bei denen die kalorienarmen/-freien Süßstoffe mit Wasser oder Placebos (sechs der RCT-Studien) verglichen wurden, während bei nur drei der RCT-Studien Zucker der Komparator war (bei einer erfolgte kein Kohlenhydrate-Ersatz). Dr. Laviada-Molina hob hervor, dass er und seine Kollegen bei dieser Analyse bewusst Studien berücksichtigt haben, die nicht korrekt aufgebaut waren zur Beantwortung der Frage, die für Menschen mit Diabetes wichtig ist – ob nämlich kalorienarme/-freie Süßstoffe eine positive Wirkung als Zuckerersatz haben.

Zum Abschluss seiner Präsentation stellte Dr. Laviada-Molina die Ergebnisse des Konsens vor, den die Iberoamerikanische Diabetesvereinigung (Asociación Latinoamericana de Diabetes (ALAD)) erreicht hat.2 Demzufolge ist der Verzehr von kalorienarmen/-freien Süßstoffen im Rahmen der erlaubten Tagesdosis (ETD) sicher und ihr Verzehr kann sich positiv auf die Reduzierung der Kalorienaufnahme, beabsichtigte Gewichtsverluste und die Blutzuckerkontrolle auswirken, wenn er als Zuckerersatz im Rahmen eines Ernährungsplans erfolgt..

  1. Cavagnari BM. Edulcorantes no calóricos y peso corporal. (Non-caloric sweeteners and body weight). MEDICINA (Buenos Aires) 2019; 79: 115-122
  2. Laviada-Molina H, Escobar-Duque ID, Pereyra E, et al. Consenso de la Asociación Latinoamericana de Diabetes sobre uso de edulcorantes no calóricos en personas con diabetes. Rev ALAD 2018; 8: 152-74
  3. Rogers PJ, Hogenkamp PS, de Graaf K, et al. Does low-energy sweetener consumption affect energy intake and body weight? A systematic review, including meta-analyses, of the evidence from human and animal studies. Int J Obes 2016; 40(3): 381-94
  4. Laviada-Molina H, Molina-Segui F, Pérez-Gaxiola G, et al. Effects of nonnutritive sweeteners on body weight and BMI in diverse clinical contexts: Systematic review and meta-analysis. Obesity Reviews 2020; 21(7): e13020
  5. Azad MB., Abou-Setta AM., Chauhan BF., et al. Nonnutritive sweeteners and cardiometabolic health: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials and prospective cohort studies. Canadian Medical Association Journal, 2017; 189(28): E929-E939
  6. Toews I, Lohner S, de Gaudry DK, Sommer J, Meerpohl JJ. Association between intake of non-sugar sweeteners and health outcomes: systematic review and meta-analyses of randomised and non-randomised controlled trials and observational studies. BMJ 2019; 363: k4718
  7. EFSA Scientific opinion on the substantiation of health claims related to intense sweeteners. EFSA 2011 Journal 9(6): 2229, and 9(4): 2076
  8. Nichol AD, Holle MJ, An R. Glycemic impact of non-nutritive sweeteners: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Eur J Clin Nutr 2018; 72: 796-804
  9. Greyling A, Appleton KM, Raben A, Mela DJ. Acute glycemic and insulinemic effects of low-energy sweeteners: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. American Journal of Clinical Nutrition 2020; 112(4): 1002-1014. nqaa167. https://doi.org/10.1093/ajcn/nqaa167
  10. Lohner S, Kuellenberg de Gaudry D, Toews I, Ferenci T, Meerpohl JJ. Non-nutritive Sweeteners for Diabetes Mellitus. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020 May 25;5:CD012885. Doi: 10.1002/14651858.CD012885.pub2