Neue Studie schafft Klarheit zur potentiellen Rolle kalorienarmer/-freier Süßstoffe bei der Gewichtsabnahme

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Autor(en) : Vicky Pyrogianni MSc, Dietitian – Nutritionist; Nutrition Science Director, ISA

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

  • Eine neue, umfassende Studie bestätigt, dass kalorienarme/-freie Süßstoffe als Ersatz von Zucker eine nützliche Funktion beim Gewichtsmanagement haben. Die Studie schafft zusätzliche Klarheit dazu, wann ihre Verwendung nützlich ist.
  • Studien, die kalorienarme/-freie Süßstoffe mit Wasser oder Placebo vergleichen, ergeben keinen Unterschied bei den Auswirkungen auf das Körpergewicht. Das beweist, dass Zuckerersatzstoffe an sich keine Gewichtsveränderungen bewirken und dass ihr Nutzen im Zusammenhang mit der Reduzierung der Aufnahme von Zucker über die Ernährung – und damit von Kalorien steht, wenn die kalorienarmen/-freien Süßstoffe gemäß ihrer Zweckbestimmung konsumiert werden.
  • Je mehr Zucker aus der Nahrung verdrängt wird, umso größer ist die vorteilhafte Wirkung der Verwendung kalorienarmer/-freier Süßstoffe.

 

Die neue Studie von Rogers and Appleton1 ist die zweite systematische Übersichtsstudie dieses Jahres zu kalorienarmen/-freien Süßstoffen und Gewichtsmanagement. Diese und die Studie von Laviada-Molina und Kollegen2, veröffentlicht im März 2020, sind die bislang umfassendsten systematischen Forschungsüberblicke zu diesem Thema. Die wichtigste Schlussfolgerung beider Studien lautet: Der Konsum kalorienarmer/-freier Süßstoffe anstelle von Zucker kann aufgrund der Reduzierung der täglichen Energieaufnahme bei der Senkung des Körpergewichts helfen, wohingegen es zu keinen Auswirkungen auf das Körpergewicht kommt, wenn die Kalorienaufnahme nicht reduziert wird, was etwa dann der Fall ist, wenn man Süßstoffe mit Wasser oder Placebo vergleicht. Wichtig also ist: Dieser neue Forschungsüberblick schafft zusätzliche Klarheit dazu, wie und wann kalorienarme/-freie Süßstoffe bei der Gewichtsabnahme helfen können, denn sie liefern Antworten auf drei grundlegende Fragen im Zusammenhang mit Süßmitteln und Gewichtsmanagement.

WAS ZEIGT DIESE NEUE STUDIE AUF?

Die neue Studie ging drei Fragen der Forschung nach:

  • Wie wirken sich kalorienarme/-freie Süßstoffe im Vergleich mit Zucker auf die Energieaufnahme aus? (Also wenn die Süße gleich bleibt, doch den Interventions- und den Kontrollgruppen über die Nahrung ein unterschiedlicher Energiegehalt angeboten wird);
  • Wie wirken sich kalorienarme/-freie Süßstoffe im Vergleich mit Wasser, gar nichts oder Placebo auf die Energieaufnahme aus? (Also wenn die Energiezufuhr bei den verschiedenen Gruppen gleich ist, beim Geschmack hingegen Unterschiede bestehen);
  • Und wie wirken sich kalorienarme/-freie Süßstoffe (in Kapseln) im Vergleich mit Placebo-Kapseln auf die Energieaufnahme und das Körpergewicht aus? (Also wenn beim Energiegehalt zwischen beiden Gruppen kein nennenswerter Unterschied besteht und der Geschmack gleich ist).

 

Die Ergebnisse der Metaanalysen zeigten Folgendes:

  • Körpergewicht, Körpermasseindex (KMI) und Energieaufnahme (in Kalorien) werden durch den Konsum kalorienarmer/-freier Süßstoffe im Vergleich zu Zucker reduziert. Zusätzliche Analysen zeigten, dass die positive Wirkung umso stärker ausfällt, je mehr Zucker aus der Nahrung entfernt wird. Laut der Studie führte jeweils 1 MJ (rund 240 kcal) Ersatz von Energie durch kalorienarme/-freie Süßstoffe zu Gewichtsabnahmen um ~1,06 kg bei Erwachsenen. Dieser Effekt der Dosierung von Zucker zeigt, dass die Verringerung des Körpergewichts durch Süßstoffe in erster Linie auf der Reduzierung der Energieaufnahme beruht.
  • Bei den Auswirkungen auf Körpergewicht und KMI wurde kein Unterschied zwischen kalorienarmen/-freien Süßstoffen und Wasser/gar nichts festgestellt, allerdings ergab die Analyse gemischte Ergebnisse bezüglich der Energieaufnahme. Diese Ergebnisse widerlegen Behauptungen, der Genuss süß schmeckender Nahrung ohne Kalorien könne das Körpergewicht erhöhen.
  • Ein ähnliches Ergebnis ergab sich für den Vergleich zwischen Kapseln mit kalorienarmen/-freien Süßstoffen und Kapseln mit Placebo: Es wurde kein Unterschied bei Energieaufnahme oder Körpergewicht festgestellt. Diese Ergebnisse untermauern die Auffassung, dass kalorienarme/-freie Süßstoffe keine Auswirkungen auf den Appetit oder die Energiebilanz haben, etwa weil sie die gastrointestinalen Hormone beeinflussen würden.

WARUM KOMMEN MANCHE STUDIEN ZU ABWEICHENDEN SCHLÜSSEN, OBGLEICH IHNEN DIESELBEN BEFUNDE VORLIEGEN?

Man muss unbedingt stets die gesamten verfügbaren Studien und Befunde berücksichtigen. Vergleicht man die Ergebnisse dieser Studie mit denen von fünf zuvor veröffentlichten, systematischen Forschungsüberblicken und Metaanalysen, sieht man, dass drei frühere Studien klare Belege dafür fanden, dass der Konsum kalorienarmer/-freier Süßstoffe statt Zucker bei der Reduzierung des Körpergewichts hilft.2-4 Das stimmt mit den Ergebnissen der Metaanalyse von Rogers und Appleton überein.1 Zwei weitere Studien hingegen5,6 kamen zu uneindeutigen Ergebnissen hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen dem Konsum kalorienarmer/-freier Süßstoffe und dem Körpergewicht.. Eine detailliertere Auswertung zeigt jedoch wichtige Unterschiede bei der Anzahl der von den Übersichtsstudien jeweils berücksichtigten Studien (So berücksichtigt die Studie von Toews et al6 nur 5 Studien gegenüber 60 bei Rogers und Appleton1). Ebenso wichtig ist, wie die ausgewerteten Studien von den Metaanalysen kategorisiert werden (Sowohl Azad et al5 als auch Toews et al6 analysieren in den gleichen Kategorien Studien mit verschiedenen Komparatoren: Zucker, Wasser, Placebo).

WARUM IST DIESE SYSTEMATISCHE ÜBERSICHTSSTUDDIE BISLANG DIE UMFASSENDSTE?

Systematische Übersichtsstudien und Metaanalysen kontrollierter klinischer Humanstudien bieten das höchste Maß Qualität der gewonnenen Ergebnisse in der Ernährungsforschung. Daher ist die Veröffentlichung dieser Studie eine wichtige Nachricht.

Die Veröffentlichung von Rogers und Appleton ist der aktuellste systematische Forschungsüberblick und er berücksichtigt alle bis zum Juni 2020 veröffentlichten Studien. Darüber hinaus handelt sich um die bislang umfassendste Arbeit, denn die Studie enthält Metaanalysen von 60 Artikeln zu 88 randomisierten kontrollierten Studien von mehr als einer Woche Dauer.

Weiterhin ist diese neue Studie deshalb wichtig, weil sie aktuelle Daten auswertet und dabei plausible biologische und verhaltensbezogene Mechanismen berücksichtigt. Dadurch formuliert sie die richtigen Fragen aus der Sicht der Forschung – etwa wie kalorienarme/-freie Süßstoffe das Körpergewicht beeinflussen können, wenn man sie mit verschiedenen, kalorienhaltigen (Zucker) oder kalorienfreien Komparatoren (Wasser, gar nichts, Placebo) vergleicht.

ERNÄHRUNGSWISSENSCHAFTLICHE ANMERKUNG

Kalorienarme/-freie Süßstoffe sind Lebensmittelzusatzstoffe, die süß schmecken und keine oder praktisch keine Kalorien haben. Als Lebensmittelzusatzstoffe darf man von ihnen nicht erwarten, dass sie für sich genommen positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben oder Wundermittel zur Gewichtsabnahme sind. Ihre Zweckbestimmung ist es, Zucker in Lebensmitteln und Getränken zu ersetzen, dabei jedoch bei weniger oder keinerlei Kaloriengehalt den süßen Geschmack zu erhalten. Sinnvoll ist also davon auszugehen, dass ihr Nutzen beim Gewichtsmanagement mit der Reduzierung der Aufnahme von Zucker und Kalorien im Rahmen einer gesunden Ernährung und Lebensweise zusammenhängt. Und tatsächlich zeigt die neue Studie von Rogers und Appleton genau das. Zuckerersatzstoffe sind eines von verschiedenen Mitteln, die den Menschen dabei helfen können, Ihre Gesamtkalorienzufuhr zu reduzieren und Gewicht zu verlieren.

  1. Rogers PJ and Appleton KM. The effects of low-calorie sweeteners on energy intake and body weight: a systematic review and meta-analyses of sustained intervention studies. Int J Obes 2020. https://doi.org/10.1038/s41366-020-00704-2
  2. Laviada-Molina H, Molina-Segui F, Pérez-Gaxiola G, et al. Effects of nonnutritive sweeteners on body weight and BMI in diverse clinical contexts: Systematic review and meta-analysis. Obesity Reviews 2020; 21(7): e13020
  3. Miller PE and Perez V. Low-calorie sweeteners and body weight and composition: a meta-analysis of randomized controlled trials and prospective cohort studies. Am J Clin Nutr 2014; 100(3): 765-777
  4. Rogers PJ, Hogenkamp PS, de Graaf C, Higgs S, Lluch A, Ness AR, et al. Does low-energy sweetener consumption affect energy intake and body weight? A systematic review, including meta-analyses, of the evidence from human and animal studies. Int J Obes 2016; 40(3): 381-94
  5. Azad MB, Abou-Setta AM, Chauhan BF, et al. Nonnutritive sweeteners and cardiometabolic health: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials and prospective cohort studies. Canadian Medical Association Journal 2017; 189(28): E929-E939
  6. Toews I, Lohner S, de Gaudry DK, Sommer J, Meerpohl JJ. Association between intake of non-sugar sweeteners and health outcomes: systematic review and meta-analyses of randomised and non-randomised controlled trials and observational studies. BMJ 2019; 363: k4718