Ernährung ist Wissenschaft, nicht Ansichtssache

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Wissenschaftliche Nachrichten von der FINUT Conference 2020

FINUT Conference 2020 – Online, 11. Oktober: Weltweit nehmen Adipositas und Diabetes weiter zu. Vor diesem Hintergrund zielen setzen die Gesundheitsbehörden verstärkt auf Strategien, die auf eine gesündere Ernährung und die Reformulierung von Lebensmitteln und Getränken abzielen. Ziel ist es, bei der Reduzierung von Kalorien, Fett und Zucker in der Ernährung die angestrebten Werte zu erreichen. Kalorienarme/-freie Süßstoffe können in diesem Zusammenhang eine Funktion haben, denn sie bieten süßen Geschmack und ermöglichen den Ersatz von Zucker und die Reduzierung der Kalorienzufuhr über die Nahrung. Doch begegnen wir in der wissenschaftlichen Literatur nach wie vor widersprüchliche Beiträge zu den Auswirkungen des Verzehrs kalorienarmer/-freier Süßstoffe auf Körpergewicht und Blutzuckerkontrolle. Auf welche Aussagen ist da Verlass? Zu dieser Frage hat die International Sweeteners Association (ISA) ein wissenschaftliches Expertengespräch im Rahmen der FINUT 2020 virtual Conference on Food and Nutrition unterstützt. Diese virtuelle Virtuelle Konferenz zu Nahrungsmitteln und Ernährung fand vom 11t, bis zum 13. Oktober statt und wurde organisiert von der Ibero-American Nutrition Foundation (FINUT: die Iberoamerikanischen Stiftung für Ernährung) .

Wir müssen unsere Ernährungsempfehlungen auf der Grundlage hochwertigster wissenschaftlicher Erkenntnisse geben”, waren sich die beiden Redner einig. Doch was sind „hochwertigste wissenschaftliche Erkenntnisse“? Beide Redner, Dr. Brian Cavagnari von der Katholischen Universität von Argentinien und Dr. Hugo Laviada-Molina von der Universidad Marista von Mérida (Mexiko), waren sich bei diesem wissenschaftlichen Treffen einig, dass solche Erkenntnisse auf randomisierten kontrollierten Studien (Randomised Controlled Trial, RCT) sowie auf den systematischen Auswertungen solcher RCT basieren müssen. Tatsächlich bieten diese Studien die beste Grundlage für die Einschätzung möglicher ursächlicher Zusammenhänge. Und hinsichtlich kalorienarmer/-freier Süßstoffe zeigen diese RCTs, dass sie als Ersatz von Zucker zur Reduzierung der Kalorienaufnahme beitragen können, was sie zu einem nützlichen Werkzeug für das Körpergewichtsmanagement macht.1-3 RTCs haben weiterhin nachgewiesen, dass kalorienarme/-freie Süßstoffe nicht die Kontrolle von Glukose und Insulin beeinträchtigen und dass sie im Vergleich zu Zucker vielmehr einen geringeren Anstieg der Blutzuckerwerte verursachen .4-6 Kalorienarme/-freie Süßstoffe sind deshalb obendrein hilfreich für Menschen mit Diabetes.7

Im Widerspruch zu RCTs legen manche beobachtende Studien – wie Dr. Brian Cavagnari in seinem Beitrag hervorhob – nahe, dass ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr kalorienarmer/-freier Süßstoffe und Übergewicht oder Diabetes bestehe. Doch vor diesem Hintergrund ist es wichtig, den beschränkten Blickwinkel einer jeden Studie zu beachten: Im Gegensatz zu RCT-Studien können Beobachtungsstudien zum Beispiel keinen Kausalzusammenhang belegen, denn sie können nicht sämtliche potentiell verfälschenden Faktoren berücksichtigen. So können sie zum Beispiel nicht ausschließen, dass Kausalzusammenhänge eventuell genau entgegengesetzt gelagert sind und die Ergebnisse verfälschen.2 Denn zum Beispiel kann eine Person mit Übergewicht genau aus diesem Grund ihre Ernährung auf kalorienarme/-freie Süßstoffe umstellen, also um die Gesamtkalorienaufnahme zu reduzieren, und der Kausalzusammenhang wäre dementsprechend umgekehrt. Vor diesem Hintergrund sind Beobachtungsstudien hinsichtlich ihrer Beweiskraft niedriger als RTCs einzustufen: Die Qualität letzterer ist höher.

In seiner Präsentation hob Dr. Hugo Laviada-Molina noch einen weiteren wichtigen Aspekt hervor, der bei der Bewertung der Forschung zu kalorienarmen/-freien Süßstoffe zu berücksichtigen ist: der in jeder Studie verwendete Komparator.3 Denn tatsächlich ist es so, dass von kalorienarmen/-freien Süßstoffe im Vergleich zu einem kalorienfreien Vergleichsstoff wie Wasser oder Placebos natürlich nicht erwartet werden kann, dass sie ernährungsphysiologisch ebenso neutral für die Kalorienzufuhr, die Körpergewichtskontrolle oder den Blutzuckerspiegel wären. Denn natürlich sind kalorienarme/-freie Süßstoffe kein Wundermittel. Stattdessen muss man sie als das untersuchen, was sie sind: Lebensmittelzusatzstoffe, die süßen Geschmack liefern und zugleich Zucker ersetzen sollen, um den Kaloriengehalt von Speisen und Getränken zu senken. Auf dieser Grundlage zeigen die hochwertigsten Untersuchungen zum Vergleich von kalorienarmen/-freien Süßstoffe im Vergleich mit Zucker einen positiven Effekt kalorienarmer/-freier Süßstoffe hinsichtlich der Senkung der Kalorienzufuhr – und in Folge dessen einen positiven Beitrag zur Gewichtsreduzierung und Blutzuckerkontrolle.7 Natürlich hängt ihr potentieller positiver Effekt, wie Dr. Laviada-Molina hervorhob, von der Menge an Zucker ab, der durch diese Süßstoffe ersetzt wird. Deshalb kommt es auf den Komparator einer jeden Studie an!

Zum Abschluss der Konferenz riefen beide Redner den Zuhörern in Erinnerung: „Ernährung ist Wissenschaft, nicht Ansichtssache“. Zudem hoben beide Redner die Notwendigkeit hervor, Sämtliche wissenschaftlichen Veröffentlichungen in einem bestimmten Gebiet zu berücksichtigen und im Sinne der evidenzbasierten Medizin die Qualität der von ihr gelieferten Nachweise zu bewerten und ihre Hierarchie zu berücksichtigen.

Nähere Informationen zur Teilnahme der ISA an der FINUT Conference 2020 finden Sie auf click here.

Wenn Sie Ihren Beitrag zur Debatte über die FINUT Conference 2020 in den sozialen Medien leisten möchten, können Sie unter den Hashtags #FINUT2020 und #ISAatFINUT tun.

  1. Rogers PJ, Hogenkamp PS, de Graaf K, et al. Does low-energy sweetener consumption affect energy intake and body weight? A systematic review, including meta-analyses, of the evidence from human and animal studies. Int J Obes 2016; 40(3): 381-94
  2. Cavagnari BM. Edulcorantes no calóricos y peso corporal. (Non-caloric sweeteners and body weight). MEDICINA (Buenos Aires) 2019; 79: 115-122
  3. Laviada-Molina H, Molina-Segui F, Pérez-Gaxiola G, et al. Effects of nonnutritive sweeteners on body weight and BMI in diverse clinical contexts: Systematic review and meta-analysis. Obesity Reviews 2020; 21(7): e13020
  4. EFSA Scientific opinion on the substantiation of health claims related to intense sweeteners. EFSA 2011 Journal 9(6): 2229, and 9(4): 2076.
  5. Nichol AD, Holle MJ, An R. Glycemic impact of non-nutritive sweeteners: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Eur J Clin Nutr 2018; 72: 796-804
  6. Greyling A, Appleton KM, Raben A, Mela DJ. Acute glycemic and insulinemic effects of low-energy sweeteners: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. American Journal of Clinical Nutrition 2020; 112(4): 1002-1014 https://doi.org/10.1093/ajcn/nqaa167
  7. Laviada-Molina H, Escobar-Duque ID, Pereyra E, et al. Consenso de la Asociación Latinoamericana de Diabetes sobre uso de edulcorantes no calóricos en personas con diabetes. Rev ALAD 2018; 8: 152-74