Wissenschaftliche Erkenntnisse und Empfehlungen über die Verwendung und den Nutzen von kalorienarmen/-freien Süßstoffen

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on email

Wissenschaftliche Nachrichten von der 13. Europäischen Ernährungskonferenz – FENS 2019

 

Highlights:

  • Die Wahl kalorienarm/frei gesüßter Getränke kann vielen Verbrauchern helfen, eine wohlschmeckende, genussvolle Ernährung beizubehalten und gleichzeitig das Körpergewicht zu kontrollieren, wie neue Studien zeigen.
  • Umfassende systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen von kontrollierten Humanstudien zeigen das Potenzial für den Nutzen von kalorienarmen/-freien Süßstoffen bei der Gewichts- und Blutzuckerkontrolle, wenn sie als Ersatz für Zucker und Kalorien in der Ernährung verwendet werden.
  • Kalorienarme/-freie Süßstoffe können ein hilfreiches Werkzeug bei der Neuformulierung von Lebensmitteln sein, da sie es ermöglichen, Zucker zu ersetzen und Kalorien in Lebensmitteln und Getränken zu reduzieren, während sie den süßen Geschmack bewahren.

Die alle vier Jahre stattfindende 13. Europäische Ernährungskonferenz – FENS 2019 weckte das Interesse von hochrangigen Ernährungswissenschaftlern aus der ganzen Welt, die sich vom 15. bis 18. Oktober 2019 in Dublin trafen, wo neueste Forschungsergebnisse in wichtigen Ernährungsbereichen, einschließlich der Zuckerreduzierung, vorgestellt und diskutiert wurden. Angesichts der weltweit weiter steigenden Rate an Fettleibigkeit und nicht übertragbaren Krankheiten (NCDs) und der Tatsache, dass Kalorien- und Zuckerreduktion zu Prioritäten der öffentlichen Gesundheit geworden sind, war die potenzielle Rolle von kalorienarmen/-freien Süßstoffen bei der Gewichts- und Diabeteskontrolle eines der Themen von hohem wissenschaftlichen Interesse.

In einem von der ISA organisierten wissenschaftlichen Symposium mit dem Titel: “Low calorie sweeteners in the human diet: Wissenschaftliche Beweise und Empfehlungen über ihre Verwendung und ihren Nutzen“, Prof Jason Halford, University of Liverpool (UK), Prof Anne Raben, University of Copenhagen (Denmark), und Dr Margaret Ashwell OBE, Ashwell Associates (UK) präsentierten aktuelle Forschungsergebnisse zu diesem wissenschaftlichen Thema. Jüngste systematische Übersichtsarbeiten, neue Studien, die die Verhaltensfaktoren im Zusammenhang mit dem Verzehr von kalorienarmen/-freien Süßstoffen einschließlich Diätgetränken untersuchen, und die Ergebnisse eines Expertenworkshops 2018 wurden auf dem Symposium vorgestellt und zeigten, dass Süßstoffe mit niedrigen/ohne Kalorien dazu beitragen können, die Kalorienzufuhr zu reduzieren oder zu steuern und wiederum ihr Körpergewicht zu kontrollieren, während sie den Genuss einer schmackhaften Ernährung beibehalten. Auf diese Weise ermöglichen sie es den Menschen, zwei potenziell widersprüchliche Ziele in Einklang zu bringen, in diesem Fall hedonisches Essen und erfolgreiche Gewichtskontrolle.

Warum wählen Verbraucher kalorienarme/-freie Süßstoffe?

Beobachtungsdaten haben manchmal einen höheren Konsum von kalorienarmen/-freien Süßstoffen mit einem höheren Körpergewicht und einem höheren Body-Mass-Index (BMI) in Verbindung gebracht, aber, wie in einem von der WHO geförderten Scoping-Review der Literatur von Lohner et al. (2017) betont, “eine positive Assoziation zwischen dem Konsum von NNS[nicht-nährstoffhaltigen Süßstoffen] und der Gewichtszunahme in Beobachtungsstudien kann die Folge und nicht der Grund für Übergewicht und Fettleibigkeit sein”. Tatsächlich haben mehrere Studien bestätigt, dass die Verbraucher kalorienarme/-freie Süßstoffe als Hilfsmittel zur Gewichtskontrolle verwenden, und daher ist zu erwarten, dass sie häufiger von Menschen mit einem höheren BMI verwendet werden (Catenacci et al, 2014; Drewnowski und Rehm, 2016).

Eine neue Studie der University of Liverpool, die von Prof Jason Halford auf der FENS 2019 vorgestellt wurde, bestätigt dieses Ergebnis: Die Besorgnis der Menschen über ihr Körpergewicht und ihr Verhalten beim Essen, zum Beispiel nach einer kalorienreduzierten Ernährung, wurde als Schlüsselfaktor für den Konsum kalorienarmer/-freier Getränke identifiziert (Maloney et al, 2019). Weitere Faktoren, die die Einnahme antreiben, sind die positiven Überzeugungen der Verbraucher über den guten Geschmack (Schmackhaftigkeit) von Diätgetränken und über ihre mögliche Hilfe bei der Kontrolle des Appetits.

Kalorienarme/-freie Süßstoffe können helfen, Zielkonflikte auszuräumen: hedonisches Essen und erfolgreiche Gewichtskontrolle.

In einer Reihe von Experimenten zeigten Forscher der University of Liverpool, dass der Konsum kalorienarmer/-freier gesüßter Getränke den Verbrauchern helfen kann, eine wohlschmeckende Ernährung aufrechtzuerhalten, während sie versuchen, ihr Körpergewicht erfolgreich zu kontrollieren, zwei gleichzeitige, aber möglicherweise widersprüchliche Ziele (Maloney et al, 2019). Die Studien fanden auch heraus, dass viele Verbraucher kalorienarme/-freie Süßstoffe als erfolgreiche Strategie zur Kontrolle der Nahrungsaufnahme verwenden können und weniger (und weniger Kalorien) essen, wenn sie sich in einem Zustand des Heißhungergefühls befinden. Während sich diese Erkenntnis nicht für alle Personen bestätigte, fühlten sich regelmäßige Konsumenten in der Tat besser unter Kontrolle und weniger schuldig in Bezug auf ihr Essverhalten, wenn Diätgetränke verfügbar waren, als wenn ihr Lieblingsgetränk nicht zu haben war.

Kalorienarme/-freie Süßstoffe erhöhen nicht den Blutzucker- und Insulinspiegel: Ergebnisse neuerer systematischer Überprüfungen und Metaanalysen

Bei der Durchsicht der aktuellen Literatur und der jüngsten umfassenden systematischen Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen kam Prof. Anne Raben zu dem Schluss, dass kalorienarme/-freie Süßstoffe keinen Einfluss auf die akute postprandiale Glykämie (Blutzuckerspiegel) oder die Insulinkontrolle haben (Tucker and Tan, 2017; Engel et al, 2018; Higgins et al, 2018; Nichol et al, 2018; Anker et al, 2019). Ein wichtiger Vorteil ist, dass im Vergleich zu Zucker kalorienarme/-freie Süßstoffe zu einem geringeren Blutzuckeranstieg führen (EFSA, 2011).

Darüber hinaus zeigen systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen, die die Auswirkungen von kalorienarmen/-freien Süßstoffen auf die Kalorienaufnahme und das Körpergewicht untersuchen, dass kalorienarme/-freie Süßstoffe, wenn sie als Ersatz für Zucker verwendet werden, zur Verringerung der Energieaufnahme und damit zur Gewichtsabnahme beitragen können (Rogers et al, 2016; Toews et al, 2019). Im Vergleich zu Placebo stellen die meisten systematischen Übersichtsarbeiten fest, dass kalorienarme/-freie Süßstoffe keinen Einfluss auf das Körpergewicht haben, da sie selbst keine pharmakologischen Auswirkungen auf die Gewichtsabnahme haben (Sievenpiper et al, 2017; Anker et al, 2019).

Auf der Grundlage der verfügbaren Erkenntnisse könnten Empfehlungen von diabetesbezogenen Organisationen wie der American Diabetes Association (ADA) und Diabetes UK, dass der Ersatz von zugesetztem Zucker durch Zuckeralternativen ohne Kalorienausgleich die tägliche Aufnahme von Kohlenhydraten und Kalorien verringern könnte und dass diese Ernährungsumstellungen die Glykämie, das Gewicht und die kardiometabolische Kontrolle positiv beeinflussen können (Evert et al [ADA], 2019). Sie können daher als Teil einer Strategie zur Gewichts- und Diabeteskontrolle eingesetzt werden (Diabetes UK, 2018).

Ein hilfreiches Instrument für die Reformulierung von Lebensmitteln

In ihrer Präsentation der Ergebnisse eines Expertenworkshops erinnerte Dr. Margaret Ashwell daran, dass weltweit eine Verringerung der Zuckeraufnahme empfohlen wird, um das Risiko und die Prävalenz von Fettleibigkeit zu senken, und dass kalorienarme/-freie Süßstoffe eine der zu berücksichtigenden Strategien sein können (Ashwell et al, Veröffentlichung im Review). Kalorienarme/-freie Süßstoffe können ein hilfreiches Instrument bei der Neuformulierung von Lebensmitteln sein, da sie es ermöglichen, Zucker zu ersetzen und Kalorien in Lebensmitteln, insbesondere in Getränken, zu reduzieren, während sie den Genuss des süßen Geschmacks erhalten. Die Politik in Bezug auf Zuckerreduzierung und kalorienarme/-freie Süßstoffe ist in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Es sollten Anstrengungen unternommen werden, um politische Diskrepanzen zu verstehen und, wo immer möglich, zu beseitigen, indem von politischen Entscheidungsträgern, Wissenschaftlern und Regulierungsexperten ein gemeinsames Verständnis der Rolle von kalorienarmen/-freien Süßstoffen in der Ernährung angestrebt wird. Es wäre auch hilfreich, die regulatorischen Hürden zu überprüfen, die die Produktentwicklung und -formulierung behindern, um Zucker und Kalorien zu reduzieren.

Abschließend kommentierte Dr. Ashwell die Notwendigkeit, wirksame Strategien zu erforschen und zu entwickeln, um Beweise für die Sicherheit und Wirksamkeit von kalorienarmen/-freien Süßstoffen zu vermitteln. In einer aufschlussreichen Diskussion am Ende des Symposiums stimmte das Rednergremium mit den Kommentaren aus dem Publikum überein, dass es notwendig ist, die Verbraucher und die Angehörigen der Gesundheitsberufe evidenzbasiert zu informieren.

  1. Anker CCB, Rafiq AR and Jeppesen PB. Effect of Steviol Glycosides on Human Health with Emphasis on Type 2 Diabetic Biomarkers: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Nutrients 2019; 11: 1965; doi:10.3390/nu11091965
  2. Catenacci VA, Pan Z, Thomas JG, et al. Low/no calorie sweetened beverage consumption in the National Weight Control Registry. Obesity (Silver Spring) 2014; 22(10): 2244-51
  3. Diabetes UK. The use of low or no calorie sweeteners. Position Statement (Updated December 2018). Available at: https://www.diabetes.org.uk/professionals/position-statements-reports/food-nutrition-lifestyle/use-o…
  4. Drewnowski A, Rehm C. The use of low-calorie sweeteners is associated with self-reported prior intent to lose weight in a representative sample of US adults. Nutrition & Diabetes 2016; 6: e202
  5. Engel S, Tholstrup T, Bruun JM, Astrup A, Richelsen B, Raben A. Effect of high milk and sugar-sweetened and non-caloric soft drink intake on insulin sensitivity after 6 months in overweight and obese adults: a randomized controlled trial. Eur J Clin Nutr 2018; 72: 358-366
  6. EFSA. Scientific opinion on the substantiation of health claims related to intense sweeteners. EFSA Journal 2011, 9(6), 2229. Available at: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.2011.2229/epdf
  7. Evert AB, Dennison M, Gardner CD, Garvey WT, Lau KHK, MacLeod J, Mitri J, Pereira RF, Rawlings K, Robinson S, Saslow L, Uelmen A, Urbanski PB, Yancy Jr. WS. Nutrition Therapy for Adults with Diabetes or Prediabetes: A Consensus Report. Diabetes Care. 2019 May;42(5):731-754
  8. Higgins KA, Considine RV, Mattes RD. Aspartame Consumption for 12 Weeks Does Not Affect Glycemia, Appetite, or Body Weight of Healthy, Lean Adults in a Randomized Controlled Trial. J Nutr 2018; 148: 650–657
  9. Lohner, S., Toews, I., & Meerpohl, J. J. (2017). Health outcomes of non-nutritive sweeteners: analysis of the research landscape. Nutr J 2017; 16(1): 55
  10. Maloney NG, Christiansen P, Harrold JA, Halford JCG, Hardman CA. Do low-calorie sweetened beverages help to control food cravings? Two experimental studies. Physiology & Behavior 2019; 208: 112500
  11. Nichol AD, Holle MJ, An R. Glycemic impact of non-nutritive sweeteners: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Eur J Clin Nutr 2018; 72: 796-804
  12. Rogers PJ, Hogenkamp PS, de Graaf C., et al. Does low-energy sweetener consumption affect energy intake and body weight? A systematic review, including meta-analyses, of the evidence from human and animal studies. Int. J. Obes. 2016; 40: 381–394
  13. Sievenpiper JL, Khan TA, Ha V, Viguiliouk E, Auyeung R. The importance of study design in the assessment of non-nutritive sweeteners and cardiometabolic health. A letter in response to Azad et al study in CMAJ. CMAJ 2017; 189(46): E1424-E1425
  14. Toews I, Lohner S, de Gaudry DK, Sommer J, Meerpohl JJ. Association between intake of non-sugar sweeteners and health outcomes: systematic review and meta-analyses of randomised and non-randomised controlled trials and observational studies. BMJ 2019; 363: k4718
  15. Tucker RM, Tan SY. Do non-nutritive sweeteners influence acute glucose homeostasis in humans? A systematic review. Physiol Behav 2017; 182: 17-26